Generation Y und das tägliche Unbehagen: Ich bin dagegen, aber...
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Was immer bleibt, ist dieses Gefühl: Scheiße, du müsstest doch eigentlich was machen! schreibt Tino Hanekamp in Wie, Haltung? – Halt mal den Joint, Alter. für ein Titelthema der Spex. Und weiter:

Wir sind mittendrin und voll dabei und kommen uns dabei auch noch irgendwie avantgardistisch vor. Die Anderen? Die Welt? Sorry, aber ich bin hier echt geil am Leben gerade. Dass ich dabei vom Subjekt zum Nur-noch-Konsumenten mutiere, der totalitäre Überwachungsstaat um die ecke lauert und die Welt auf eine unfassbare ökologische Katastrophe zusteuert, weiß ich doch, aber was soll ich machen? Demo? Online-Petition? Okay, ich bin dabei!

Ich habe Stunden damit verbracht, mit meinem Mitbewohner in der Küche zu sitzen, Kette zu rauchen und über einen Dritten Weltkrieg oder einen Komplettzusammenbruch der Wirtschaft zu philosophieren. Wie würde das aussehen? Würden wir überleben? Da oben im vierten Stock mitten in Neukölln mit einem leeren Kühlschrank und wenig Möbeln, aber dafür MacBooks und Spiegelreflex? Müssten wir uns bewaffnen? Oder sollten wir uns lieber jetzt schon Gedanken machen und Selbstversorger werden? Manchmal glaube ich, wir sind so verwöhnt vom Leben, dass wir uns insgeheim eine Katastrophe wünschen. Einen Weltkrieg. Eine Zombie-Apokalypse. Nur damit wir endlich einmal um unser Überleben kämpfen müssten.

Als ich erwachsen wurde, habe ich versucht, mein Unglücklichsein zu bekämpfen, indem ich mir klar machte, dass ich der wichtigste Mensch in meinem Leben bin. Das ist viel weniger egoistisch und esoterisch-verrückt als es klingt. Ich kann viele Dinge auf der Welt nicht ändern. Ich kann andere Menschen nicht ändern. Aber ich kann mich ändern. Am Ende bin ich eh tot und wenn ich nicht an Himmel, Hölle oder Wiedergeburt glaube, ist dann alles weg und egal. Also ist es doch am wichtigsten, dass ich glücklich bin, oder? Typisch Gen Y halt: scheiß auf Geld und Macht, Hauptsache ich bin glücklich und habe mich selbst verwirklicht. Was auch immer das heißt.

Aber diese Logik hat einen Fehler: Was man in Selbsthilfeblogs zwischen all dem Glitzer und Konsumier-dich-glücklich findet ist eine ganz perfide Art der Schuldzuweisung: Jeder kann es schaffen – du musst nur fest genug dran glauben. Thoughts become things. Alles in deinem Leben hast du genau so angezogen. Dein Leben ist scheiße? Selber schuld, da hast du wohl nicht positiv genug gedacht, nicht genug Herzchen in dein Notizbuch gemalt und dich nicht genug verwöhnt. Kauf dir doch mal was schönes. Sorry, du liebst dich einfach nicht genug. Selbst schuld. Auf Facebook, Instagram und Co. werden uns tagtäglich "perfekte" Leben vorgelebt. Die haben's doch auch geschafft.

Frustriert stand ich da mit fast Mitte zwanzig und wusste nicht mehr weiter. Nur Spaß zu haben machte mich also auch nicht glücklich, hätte ich mir auch gleich denken können. Wenn ich über die Zustände auf der Welt nachdenke, werde ich wütend. Das fängt vor meiner Haustür an. Manchmal möchte ich gar nicht erst meinen Computer anmachen, durch die üblichen Nachrichtenportale scrollen und Twitter und Facebook checken. Und wir machen uns wirklich Gedanken, was es heute zum Abendessen gibt und auf welche Party wir am Wochenende gehen?What a life. Ja klar ist das scheiße. Aber was soll ich machen? Blogeinträge schreiben und meine Mitmenschen belehren? Demonstrieren und wählen gehen? Reicht das? Oder soll ich doch in die Politik gehen? Glaubt überhaupt noch jemand an die Politik? Wenn man regelmäßig die Heute Show guckt, fragt man sich doch, welchen Politiker man eigentlich noch sympathisch finden kann. Außer Drohne Willi vielleicht. Aber selbst der ist bei der FDP.

Also weitermachen. Desillusioniert von "Live your dream!"-Plattitüden stehe ich in meinem Leben vor fast allen erdenklichen Möglichkeiten. Doch was ich auch tue, ich fühle mich schuldig. Schuldig, wenn ich glücklich bin – bei der Scheiße, die hier passiert und gegen die ich nichts tue. Schuldig, wenn ich unglücklich bin – immerhin geht es mir doch so gut und andere haben es viel schlechter. Ich glaube nicht, dass unsere Generation so lethargisch ist, wie sie gern dargestellt wird. Irgendwo zwischen Berghain-Hedonismus und Schland passiert etwas, das Potenzial ist da, wir wollen kämpfen. Nur wie? Und gegen wen? Denn im Endeffekt sind wir doch alle selber schuld. Vielleicht neigen deshalb immer mehr junge Menschen zu Extremismus und Alltags-Konservatismus – da gibt es wenigstens noch klare Feindbilder.

Irgendwas läuft hier schief. Ich bin dagegen. Und trotzdem mache ich einfach weiter.

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