Die Zukunft ist da: Über die Arbeit und den Neustart
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In den letzten Monaten habe ich einen entscheidenden Schritt gemacht und einen Neustart gewagt. Ich habe meinen Job an den Nagel gehängt, eine Reise nach New York gebucht und einen Entschluss gefasst: Ich will unabhängiger sein. Und zwar ohne diesen ganzen esoterischen Quatsch von Freiheit und verklärter Nomadenromantik. Ohne unrealistische Erwartungen. Ohne "Träume nicht dein Leben, lebe deinen Traum", das must-have Wandtattoo jeder mittzwanziger Neubauküche.

Unabhängigkeit bedeutet zuerst einmal, Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen. Und zwar für alles. Das tut weh. Für mein privates Leben muss ich das schon lange, aber nun kommt auch noch mein beruflicher Weg dazu. Ich habe zwar keinen Chef mehr, der mir Anweisungen geben kann, allerdings auch keinen Chef mehr, der die Verantwortung übernimmt. Ich bin jetzt selbstständig und angewiesen auf mich selbst.

In den letzten Jahren habe ich mir aus meiner jungen Ambitionslosigkeit heraus ein Leben geschaffen, das aus Arbeit, sehr viel Freizeit und wenig Sinn bestand. Ich dachte nämlich schon einmal, ich hätte es raus. Ich war neunzehn, lebte allein und kostete die Vorzüge des Erwachsenenlebens voll aus. Ich machte mir wenig Sorgen um die Zukunft und hatte eine gefestigte, wenn auch vage Vorstellung vom Rest meines Lebens: irgendwie über die Runden kommen, ein bisschen Geld verdienen und ansonsten tun, was mir Spaß macht. Was auch immer das ist. Ich wollte keine Karriere. Mit diesem Wort verband ich das Streben nach Prestige, nach Geld des Geldes wegen und Anerkennung für oberflächliche Leistung. Und das war in meinen Augen etwas Schlechtes, oder zumindest nichts Erstrebenswertes in meinem Leben, denn ich wollte frei sein von gesellschaftlichen Zwängen, die ich nicht einmal benennen konnte. Das alles sagte sich sehr leicht, während Mama und Papa mir das Studium finanzierten und es mir genügte, in meiner Freizeit mit dem Wochenendticket herumzutingeln.

Ich halte nichts von "Man bekommt im Leben nichts geschenkt"-Parolen als Rechtfertigung für Ausbeutung und die Abwertung des Unglücks anderer. Doch wer die Vorzüge des Kapitalismus genießen will, der muss seinen Platz im System finden. Und das bedeutet nicht, acht Stunden am Tag etwas zu tun, das man hasst, um sich einmal im Jahr die zwei Wochen All-Inclusive am Strand zu leisten und sich auf die Rente zu freuen. Aber eben auch nicht zwangsläufig ein Freigeistleben im Hippiezelt. Erfolge, die einem von der Gesellschaft oft als erstrebenswert verkauft werden, sind deshalb so frustrierend, weil sie oft aus leeren Hülsen und oberflächlichen Auszeichnungen bestehen, die den wenigsten Menschen persönlich etwas bedeuten.

Wie wäre es also, wenn man diesen Erfolgsdruck in das Streben nach etwas umwandelt, das einem wirklich wichtig ist? So verschieden das von Mensch zu Mensch sein mag? Da gibt es doch noch viel mehr, außer der typischen Gen-Y-Selbstverwirklichung, oder? Was, wenn man den Aufstieg auf der nichtssagenden Karriereleiter in einen Aufstieg in einem schöneren Bereicht umwandelt? Den sinnlosen Ballast und das ziellose Dahinvegetieren unter dem Deckmantel der Freizeit in produktives Schaffen? Oder, um die großartige Jen Dziura zu zitieren:

What unpleasurable, time-sucking fucking around can you cut out of your life and not miss? Can you take twelve hours of slightly-pleasurable CSI-and-Kardashian-watching and replace it with two hours of petting adorable kitties and then drinking Scotch, thus saving ten hours while still effecting a net increase in pleasure?

Ich möchte Faultiere und Sugar Glider streicheln, in meinem Leopardenmantel im Bett Champagner trinken, weil ich es kann, tolle Jobs haben, die Nacht durchmachen, weil ich vor lauter Produktivität nicht mehr aufhören kann und Menschen glücklich machen. Ich möchte Geld verdienen und überall auf der Welt sein können. Diese örtliche Unabhängigkeit ist mir wichtig und dafür bin ich bereit, Opfer zu bringen. Wie dieses hier. Ich gebe meine Sicherheit auf, und zwar komplett. Aber dafür bin ich gerade in New York, gönne mir eine Auszeit und mir geht es so gut wie lange nicht mehr.

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